Richard David Precht bezeichnet in seinem Buch „Liebe“ dieses Phänomen als ein unordentliches Gefühl. Er sortiert die vorhandenen Quellen zum Thema, wiederspricht den meisten Autoren vehement und kommt zu einigen Schlussfolgerungen, die etwas anders klingen, als bisher Bekanntes. An einem Beispiel erläutert: Wissenschaftler behaupten in der jüngeren Vergangenheit nach einigen Studien mit Mäusen:Oxytocin-Rezeptoren fördern die Bindungsfähigkeit bei Männern.Bei Müttern fördert dieses Hormon die enge Bindung an das Kind. Im Körper des Menschen finden mehr Erregung, Zufriedenheit und Geborgebheit statt, je höher derAusstoß des Stoffes ist. Precht meint aber: Das Hormon bewirkt aber nicht Liebe und Treue auf Dauer. Da spielen andere Faktoren eine Rolle.Der Mensch ist weniger chemisch, als allgemein angenommen. Es erübrigt sich, die Gene auf Treuecodes abzusuchen. Oxyt0cin hat mit Liebe soviel zu tun, wie Curry mit einem indischen Essen. Daraus ergibt sich allerdings einProblem. Wer das glaubt, kann nicht mehr alles Unleidliche auf die Hormone schieben, was zur Zeit weitverbreitet stattfindet. Was führt zur Liebe?
Emotionen, die so schnell kommen und gehen , dass man sie kaum halten kann, bieten auch nicht die Grundlage für Liebe. Vielleicht für Verliebtheit. Wie beschreibt man dann die Liebe? Bei den Gefühlen nähert sich der Leser dem Schlüssel zu den Gedanken über die Liebe, die in diesem Buch verankert sind. Es ist so, dass Menschen beständig fühlen. Sie sind sogar erstaunlich beständig, im Gefühl, das immer auf eine konkrete Erinnerung, Person, auf einen Geschmack u.s.w. bezogen ist. Ebenfalls beständig sind die Gedanken. Die Gedanken sind so beständig, dass sie langfristig auf das Verhalten in der Liebe wirken. „Gefühle sind der Klebstoff, der uns zusammenhält. Sie entscheiden darüber, was uns nahegeht“,sagt Precht. Liebende fühlen, dass sie das Gleiche meinen und sich verstehen. Gedanken erklären das, was wir fühlen, wünschen und wollen. Wir schaffen die Liebe selbst. Wenn wir Liebe schaffen, wie sieht dann die Bauanleitung aus, fragt der Autor. Wir haben als Kinder gebaut, im Sand , Flugzeuge aus Papier, Häuser aus Holzbausteinen, aber wie man Liebe baut, dafür gab es kein Spielzeug. …Dass Kultur die Fortsetzung der Biologie mit anderen Mitteln ist, erfährt der Leser, Kultur prägt Liebe, das lernt man bei Precht. Wenige sind mit Märchenprinzen oder Märchenprinzessinnen verheiratet. Viele finden ihre Langzeitpartner nicht wirklich toll.Ist das Liebe? Man arrangiert sich… Wenn wir aber den Willen haben, zu lieben. Precht schreibt: Die Psychologie der Willensfreiheit des Menschen inPunkto Liebe ist wenig erforscht. Was aber eine gesicherte Erkenntnis ist: Unser Bedürfnis und unsere Fähigkeit zu lieben, stammt aus unserer frühkindlichenPrägung und kindlichen Erfahrung. Die Rolle des Kindes in der Familie, Geschlechterrollen, Aufmerksamkeit die das Kind erhält u.s.w. sind Auslöser für die Art, wie das erwachsen gewordene Kind später liebt. …“Fast automatisch neigen wir dazu, unser ganz persönliches Familiendrama später zu inszenieren, Muster auszuleben.“ Dieses Wissen macht unruhig, denn Leser fragen sich, ob und wie sich ihr Familiendrama in der Ehe widerspiegelt.Welche Muster sie realisieren. Nach Precht sind den Liebenden ihre Muster wichtiger, als das Glück. Wenn das wirklich so sein sollte, haben wir da nicht enorme Reserven, wir Menschen, wenn wir lernen würden Muster aufzulösen, zu entschlüsseln um glücklicher zu sein…. Menschen, die Farbe in unser Leben bringen könnten sind ungeeignet für lange Partnerschaften, weil sie das Muster nicht realisieren, das uns vertraut ist und die, welche es mit uns ausleben, verblassen mit den Jahren des Zusammenlebens zu einem netten Grau. Es gibt viele, die viel Farbe in die Beziehung bringen, aber auch viele die Langeweile und Entfremdung erleben. Liebende verlangen heute: Versteh mich und mach mein Leben interessant, sagt Precht , dem widersprach Erich Fromm mit den Worten: „Der Liebende will nichts haben, er respektiert, was ist, und er gibt, statt zu raffen“ Erich Fromm beeindruckt R.D.Precht nicht. Dieser lehnt ab und sagt, warum soll man nichts haben wollen, wenn man liebt? Will nicht jeder Mensch etwas haben und sei es nur seine Ruhe …? Der Streit der Ideen macht das Buch interssannt und lesenswert, auch wenn man beim Lesen das respektlose Gegenargumentieren nicht immer teilt, weil mit jedem neuen Argument ein weiterer Gedanke oder eine Frage entsteht. Wer gerne Philosophisches liest, sollte zugreifen. Richard David Precht ist ein begabter Autor, ein intelligenter Schreiber, der die News wissenschaftlicher Erkennntnisse meisterhaft verarbeitet. Ein Freund meines Sohnes heiratet morgen. In die Glückwunschkarte habe ich ein Zitat aus „Liebe – ein unordentlichesGefühl“ geschrieben. Vielleicht macht es die jungen Liebenden klüger. R.D.Precht (Wikipedia)