Lesenswertes

Nach der Arbeit

Der Tag begann zeitig, wie immer an Arbeitstagen, 5.30 Uhr aufstehen…. Kaffee. Mein Mann fährt früher zur Arbeit – mit dem Fahrrad auf dem Dach- so dass er einen Teil der Strecke von 40 km per Rad zurücklegen kann, was seiner Fitness dient… Ich fahre seit Jahren mit der Straßenbahn zur Arbeit, habe da 15 Minuten, um die Zeitung zu lesen oder Konzentrationsübungen zu machen.

In der Zeitung les ich eine schaurige Geschichte von einer 65 jährigen Frau die, als sie am Wochenende mit ihrem Mann gemeinsam auf dem Radweg mit dem Rad fuhr, von einem Auto erschlagen wurde. Die Autofahrerin war betrunken. Auf diesem Weg joggen wir, mein Mann und ich Sonntags, wenn wir Zeit haben.

Es ist unvorstellbar, dass da ein Auto geflogen kommt und auf einen drauffällt. Wenn ich mir vorstelle, ich gehe zum Joggen, tu also was für meine Gesundheit und werde statt, mich wie neugeboren zu fühlen, von einem Auto erschlagen…

Nach der Arbeit besuche ich B.,einen jungen Mann, den ich eigentlich nicht kenne, dessen Mutter mich aber um Hilfe gebeten hat. Sie hat vier Kinder, lebt mit ihrem geistig behinderten Jungen, der in einer Werkstatt für behinderte Menschen arbeitet, mit B., der arbeitslos ist und mit ihrer 13 jährigen lernbehinderten Tochter zusammen.

Während meines Besuches liegt B. in einem neu gebauten kleinen Reihenhaus in seinem abgedunkelten Zimmer auf ekeligen Laken. Um ihn herum stapeln sich die Abfälle seiner Mahlzeiten. Seit fast zwei Jahren geht er nicht mehr weg, meidet seine Familie, geistert nachts zum Kühlschrank. Meine Recherchen ergeben: Erst hat er die Arbeit verloren, dann die Freundin, dann das Auto. Jetzt liegt er den ganzen Tag im Bett, spielt am Computer oder sieht in die „Glotze“. Dass um ihn herum der Müll stinkt und Ungeziefer beherbergt, stört ihn nicht… Bei einem zweiten Besuch liegt er immer noch, kommt aber, als ich mit der Mutter rede, auf die Treppe. Beide schreien sich  völlig entnervt an. Er versucht sich zu rechtfertigen. Ich mache einen dritten Anlauf, schreibe einen Brief, lade ihn zu einem Gespräch ein. Er  unterschreibt einen Vertrag für ehrenamtliche Arbeit, die ihm als Sprungbrett dienen soll, um aus der Lethargie rauszukommen und vielleicht schafft er so den Wiedereinstieg ins normale Leben.

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