Lesenswertes

Archiv für Oktober, 2010

Stadt im Wandel

„Wir bauen auf , wir reißen nieder und haben Arbeit immer wieder.“sagte meine Kollegin Angelika S. spontan am 21.10.2010, als im schönen Nachmittagslicht einer herbstlichen Sonne ein Wohnblock mit ca. 60 Wohnungen nebenan  zertrümmert zu Boden fiel. Gera schrumpft. Viele  Wohnungen, die vor mehr als 20 Jahren noch heiß begehrt waren, haben nun noch Wert für Firmen, die am Abriss verdienen.  Die Natur wird einige Flächen wieder erobern.

Schau hin, schau her,

nun gibt es das Haus nicht mehr…

Das Fußballorakel Paul den Kraken gibt es nicht mehr

Kurz nachdem bekannt wurde, dass die Geschichte des Fußballorakels Paul von einem japanischen Unternehmen verfilmt werden soll, eilt  die Nachricht durch die Sender, dass Paul der Krake tot ist. Er starb in der Nacht zum Dienstag in seinem Aquarium in Oberhausen. Alle die sich mit dem Phänomen seiner Orakelei befasst haben, werden sich erinnern. Es war schon erstaunlich, wie ein Krake die Ergebnisse der deutschen Mannschaft in der letzten Fußballweltmeisterschaft voraussagte. Zwei Kästchen lagen im Aquarium, ausgekleidet mit den Nationalflaggen der spielenden Mannschaften. Paul musste wählen, tat das mit großer Eleganz und hatte immer recht, Da ich nicht genau weiß, was Paul bewegte, die Spielergebnisse vorherzusagen, frage ich mich auch heute, wie es dazu kommen konnte.  Jedenfalls wurde Paul der Krake  durch die Medien berühmt, so wie Herr Kachelmann oder die Bergleute in Chile oder all die anderen, die wir nicht kennen und doch glauben, etwas von ihnen zu wissen. Wenn man uns Geschichten gut erzählt, sind wir gerne bereit, diese aufzunehmen und so den Alltag etwas farbiger zu gestalten. Paul hat zu Lebzeiten die Menschen angezogen und in Erstaunen versetzt. Ich glaube, er hatte viele Fans, die jetzt traurig sind.

Glück hinterlässt keine Narben

„Mängelexemplar“ von Sarah Kuttner wird seit Oktober 2010 als Taschenbuch beim Fischer Taschenbuch Verlag angeboten.

Der Titel Mängelexemplar sagt viel, denn Mängelexemplar bezieht sich auf eine junge moderne Frau, die sich mangelhaft fühlt, aber keine Mängel hat, sondern intelligent, clever und schön ist.

Die Heldin Karo ist jung. Sie lebt in einer unvollkommenen Bindung und liebt ihren Beruf, bis man ihr den Job kündigt. Man lernt sie bei Selbstbetrachtungen kennen. Die Geschichte beschreibt  ihre Befindlichkeiten, ihre Streitbarkeit, ihre Respektlosigkeit, ihre Freundschaften,  ihre enge Bindung zur Mutter,  ihre Ängste und Gefühle. Karo hat plötzlich eine Depression. Diese Phase zieht sich längere Zeit hin. Sie nimmt Medikamente und sucht eine psychologische Psychotherapeutin auf. Mit der Therapeutin bespricht sie ihre Probleme, zweifelt aber, ob die Therapie hilft.  Sie analysiert ihre  Zwiespältigkeit, ihr Auftreten als starke Frau und die Hilflosigkeit und Angst in der Depression, ihre Sucht, geliebt zu werden. Was bleibt ist am Ende das Gefühl, dass die Heldin noch nicht über den Berg ist.

Der Ozean ist eine Stadt

Diesen und andere frische Gedanken erfährt man im Roman „Schiffbruch mit Tiger“ (erschienen im Fischer Verlag 2003). Piscine Molitor Patel hat seine Eltern am 02.07.1977 bei einem Schiffbruch verloren. Er schildert seinen Überlebenskampf auf einem Rettungsboot, das er mit einem bengalischen Tiger teilen muss. 227 Tage lebt er als Schiffbrüchiger auf dem Meer. Täglich muss er Essen und Wasser herbeischaffen, den Tiger füttern, sich beschäftigen, nachdenken und  überleben…. Ich möchte den Roman „Schiffbruch mit Tiger“  und den Autor Yann Martel, der diese inspirierende Geschichte aufgeschrieben hat, weiterempfehlen.

Der Literaturnobelpreisträger 2010

Mario Vargas Llosa hat am 08.10.2010 den Literatur Nobelpreis erhalten. Er schrieb vermutlich das lustigste Buch aller Zeiten “ Tante Julia und der Kunstschreiber“ und das brutalste Buch aller Zeiten. „Der Krieg am Ende der Welt“. 

http://translate.google.de/translate?hl=de&sl=es&u=http://www.mvargasllosa.com/&ei=nxCyTKfFO8SUswbP7bXaDQ&sa=X&oi=translate&ct=result&resnum=5&ved=0CDwQ7gEwBA&prev=/search%3Fq%3DMario%2BVargos%2BLlosa%26hl%3Dde%26rlz%3D1I7ADFA_de%26prmd%3Dnvlo

Faust: „Und sollt zum Augenblick ich sagen ….“

Amina Gusner (Regie) und Anne-Sylvie König (Dramaturgie) haben im Geraer Theater Goethes „Faust“ auf moderne Weise inszeniert. Die Premiere fand am 01.10. 2010 im ausverkauften Haus statt.

Der vielfältig gelehrte Faust deklamierte am Beginn seinen berühmten Monolog. Er ließ keinen Zweifel daran, dass über Goethes Text hinaus zur heutigen Zeit Bezüge hergestellt werden.

Heiko Senst spielte den Faust mit extensiven Körpereinsatz, einer dominanten Körpersprache, natürlich auch mit den bekannten Texten. Ca. 5% seiner Sätze wichen von Goethes Text ab. Faust agierte aktiv, zeigte die Ambivalenz, einerseits den gelehrten Mann, andererseits die Sucht, etwas zu erleben, sich auch in Abgründe zu begeben. Es bestand keine Minute die Gefahr, ihn zu übersehen, oder nicht zu verstehen. Während Faust in anderen Inszenierungen ruhig dargestellt wird, war es hier umgekehrt. Mephistopheles wirkte ansehnlich, fast gemütlich, nett, etwas träge, witzig und  unheilvoll. Frank Voigtmann spielte die Rolle mit Bühnenpräsenz, ruhigem Minenspiel, das nur selten entgleiste, dann aber Wirkung zeigte. Dass Mephistopheles und Faust ein und dieselbe Person mit verschiedenen menschlicher Eigenschaften verkörperten, wurde durch Gesten und Kleidung klargestellt.

Faust wirkt in den Szenen der Verführung unbeholfen, hölzern. Margarete lässt sich ein, von ihren Gefühlen geleitet.  Nach dem romantischen Beginn der Beziehung folgt der Exzess. Faust ist begeistert, aber unfähig, das Mädchen zu lieben. Er (Faust/Mephisto) benutzt Gretchen, tobt sich aus. Ihre Frage, „Wie hältst du es mit der Religion?“ hätte einen Mann der zur Liebe taugt,  rühren können, weil ein Mädchen mit ihm etwas bereden möchte, was ihr wichtig ist. Faust zerredet den möglichen Moment tatsächlicher Liebe mit Gemeinplätzen und beweist so seine Unfähigkeit, sie zu verstehen.  Gretchen verwandelt  sich an seiner Seite von der reinen schönen Unschuld zur benutzten schuldbeladenen verstoßenen Frau.

Im Gefängnis  beauftragt Faust den Mephistopheles, Margarete aufzufordern, das Gefängnis mit ihnen zu verlassen. In dieser Szene besticht Faust mit seinem “Selbst“, das wieder unreif handelt. Er will Margarete  nicht wirklich wiederhaben. Margarete versteht und zieht den Tod vor.  Vanessa Rose spielte die Margarete hervorragend, einerseits die junge erwartungsvolle, lebenslustige Margarete, das naive Mädchen, die leidenschaftliche,  aggressiv kämpferische, und die  enttäuschte, verfemte Frau.

An diesem Abend wurde gelacht, Mephisto lieferte Slapsticks, es wurde auch getanzt. Auf ungewohnte Art ertönte Musik, vorgetragen von Eva Verena Müller. Olaf Kröger spielte Piano und Stefan Berger den Kontrabass. Der energetische Beifall des Publikums am Ende der Vorstellung wurde mit einem melodischen Swing den alle Schauspieler und Musiker sangen, belohnt und abgerundet.

Allen, die an dieser Vorstellung mitgewirkt haben, möchte ich herzlich danken und für die künstlerische Arbeit das Allerbeste wünschen. Es war ein tolles Erlebnis.