Lesenswertes

Amina Gusner (Regie) und Anne-Sylvie König (Dramaturgie) haben im Geraer Theater Goethes „Faust“ auf moderne Weise inszeniert. Die Premiere fand am 01.10. 2010 im ausverkauften Haus statt.

Der vielfältig gelehrte Faust deklamierte am Beginn seinen berühmten Monolog. Er ließ keinen Zweifel daran, dass über Goethes Text hinaus zur heutigen Zeit Bezüge hergestellt werden.

Heiko Senst spielte den Faust mit extensiven Körpereinsatz, einer dominanten Körpersprache, natürlich auch mit den bekannten Texten. Ca. 5% seiner Sätze wichen von Goethes Text ab. Faust agierte aktiv, zeigte die Ambivalenz, einerseits den gelehrten Mann, andererseits die Sucht, etwas zu erleben, sich auch in Abgründe zu begeben. Es bestand keine Minute die Gefahr, ihn zu übersehen, oder nicht zu verstehen. Während Faust in anderen Inszenierungen ruhig dargestellt wird, war es hier umgekehrt. Mephistopheles wirkte ansehnlich, fast gemütlich, nett, etwas träge, witzig und  unheilvoll. Frank Voigtmann spielte die Rolle mit Bühnenpräsenz, ruhigem Minenspiel, das nur selten entgleiste, dann aber Wirkung zeigte. Dass Mephistopheles und Faust ein und dieselbe Person mit verschiedenen menschlicher Eigenschaften verkörperten, wurde durch Gesten und Kleidung klargestellt.

Faust wirkt in den Szenen der Verführung unbeholfen, hölzern. Margarete lässt sich ein, von ihren Gefühlen geleitet.  Nach dem romantischen Beginn der Beziehung folgt der Exzess. Faust ist begeistert, aber unfähig, das Mädchen zu lieben. Er (Faust/Mephisto) benutzt Gretchen, tobt sich aus. Ihre Frage, „Wie hältst du es mit der Religion?“ hätte einen Mann der zur Liebe taugt,  rühren können, weil ein Mädchen mit ihm etwas bereden möchte, was ihr wichtig ist. Faust zerredet den möglichen Moment tatsächlicher Liebe mit Gemeinplätzen und beweist so seine Unfähigkeit, sie zu verstehen.  Gretchen verwandelt  sich an seiner Seite von der reinen schönen Unschuld zur benutzten schuldbeladenen verstoßenen Frau.

Im Gefängnis  beauftragt Faust den Mephistopheles, Margarete aufzufordern, das Gefängnis mit ihnen zu verlassen. In dieser Szene besticht Faust mit seinem “Selbst“, das wieder unreif handelt. Er will Margarete  nicht wirklich wiederhaben. Margarete versteht und zieht den Tod vor.  Vanessa Rose spielte die Margarete hervorragend, einerseits die junge erwartungsvolle, lebenslustige Margarete, das naive Mädchen, die leidenschaftliche,  aggressiv kämpferische, und die  enttäuschte, verfemte Frau.

An diesem Abend wurde gelacht, Mephisto lieferte Slapsticks, es wurde auch getanzt. Auf ungewohnte Art ertönte Musik, vorgetragen von Eva Verena Müller. Olaf Kröger spielte Piano und Stefan Berger den Kontrabass. Der energetische Beifall des Publikums am Ende der Vorstellung wurde mit einem melodischen Swing den alle Schauspieler und Musiker sangen, belohnt und abgerundet.

Allen, die an dieser Vorstellung mitgewirkt haben, möchte ich herzlich danken und für die künstlerische Arbeit das Allerbeste wünschen. Es war ein tolles Erlebnis.

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