Lesenswertes

Archiv für die Kategorie ‘Gedichte’

Wintermelancholie

Der arme Adalbert….

Winter

In den jungen Tagen
Hatt‘ ich frischen Mut,
In der Sonne Strahlen
War ich stark und gut.

Liebe, Lebenswogen,
Sterne, Blumenlust!
Wie so stark die Sehnen!
Wie so voll die Brust!

Und es ist zerronnen,
Was ein Traum nur war;
Winter ist gekommen,
Bleichend mir das Haar.

Bin so alt geworden,
Alt und schwach und blind,
Ach! verweht das Leben,
Wie ein Nebelwind!

Adelbert von Chamisso

Fern jeder Melancholie, wollte ich unbedingt das Eis an den Zweigen fotografieren.

Advertisements

„Zeugnistag“ von Reinhard Mey

Zeugnistag

Ich denke, ich muss so zwölf Jahre alt gewesen sein,
Und wieder einmal war es Zeugnistag.
Nur diesmal – dacht‘ ich – bricht das Schulhaus samt Dachgestühl ein,
Als meines weiß und hässlich vor mir lag.
Dabei war’n meine Hoffnungen keineswegs hoch geschraubt,
Ich war ein fauler Hund und obendrein
höchst eigenwillig, doch trotzdem hätte ich nie geglaubt,
So ein totaler Versager zu sein,
Ein totaler Versager zu sein!

«So, jetzt ist es passiert!», dacht‘ ich mir,
«Jetzt ist alles aus: Nicht einmal eine Vier in Religion.
Oh Mann, mit diesem Zeugnis kommst Du besser nicht nach Haus,
Sondern allenfalls zur Fremdenlegion.»
Ich zeigt‘ es meinen Eltern nicht und unterschrieb für sie
Schön bunt, sah nicht schlecht aus ohne zu prahl’n.
Ich war vielleicht ’ne Niete in Deutsch und Biologie;
Dafür konnt‘ ich schon immer ganz gut mal’n.
Dafür konnt‘ ich schon immer ganz gut mal’n.

Der Zauber kam natürlich schon am nächsten Morgen raus.
Die Fälschung war wohl doch nicht so geschickt.
Der Rektor kam, holte mich schnaubend aus der Klasse raus.
So stand ich da: Allein, stumm und geknickt.
Dann ließ er meine Eltern kommen, lehnte sich zurück
Voll Selbstgerechtigkeit genoss er schon
Die Maulschellen für den Betrüger, das mißrat’ne Stück,
Diesen Urkundenfälscher: ihren Sohn,
Diesen Urkundenfälscher: ihren Sohn.

Mein Vater nahm das Zeugnis in die Hand und sah mich an
Und sage ruhig: «Was mich anbetrifft,
So gibt es nicht die kleinste Spur eines Zweifels daran:
Das ist tatsächlich meine Unterschrift.»
Auch meine Mutter sagte, ja, das sei ihr Namenszug,
Gekritzelt zwar, doch müsse man versteh’n,
Dass sie vorher zwei große schwere Einkaufstaschen trug.
Dann sagte sie: «Komm‘ Junge, laß uns gehen.»
«Komm‘ Junge, laß uns gehen.»

Ich hab‘ noch manches lange Jahr auf Schulbänken verlor’n
Und lernte widerspruchslos vor mich hin:
Namen, Tabellen, Theorien, von hinten und von vorn.
(Dass ich dabei nicht ganz verblödet bin!)
Nur eine Lektion hat sich in den Jahr’n herausgesiebt,
Die eine nur aus dem Haufen Ballast:
Wie gut es tut zu wissen, daß dir jemand Zuflucht gibt,
Ganz gleich, was Du auch ausgefressen hast,
Ganz gleich, was Du auch ausgefressen hast.

Sehnsucht nach dem Frühling

O wie ist es kalt geworden
und so traurig, öd‘ und leer!
Rauhe Winde wehn von Norden,
und die Sonne scheint nicht mehr.

Auf die Berge möcht‘ ich fliegen,
möchte sehn ein grünes Tal,
möcht‘ in Gras und Blumen liegen
und mich freun am Sonnenstrahl.

Möchte hören die Schalmeien
und der Herden Glockenklang,
möchte freuen mich im Freien
an der Vögel süßem Sang.

Schöner Frühling, komm doch wieder,
lieber Frühling, komm doch bald,
bring uns Blumen, Laub und Lieder,
schmücke wieder Feld und Wald!

Hoffmann von Fallersleben

Für werdende Eltern

von Bettina Wegner

Kinder

Sind so kleine Hände winzig Finger dran.
Darf man nie drauf schlagen, die zerbrechen dann.

Sind so kleine Füße mit so kleinen Zehn.
Darf man nie drauf treten, könn sie sonst nicht gehen.

Sind so kleine Ohren scharf, und ihr erlaubt.
Darf man nie zerbrüllen, werden davon taub.

Sind so schöne Münder sprechen alles aus.
Darf man nie verbieten, kommt sonst nichts mehr raus.

Sind so klare Augen, die noch alles sehn.
Darf man nie verbinden, könn sie nichts verstehn.

Sind so kleine Seelen offen und ganz frei.
Darf man niemals quälen, gehen kaputt dabei.

Ist son kleines Rückgrat sieht man fast noch nicht.
Darf man niemals beugen, weil es sonst zerbricht.

Grade, klare Menschen wärn ein schönes Ziel.
Leute ohne Rückgrat haben wir schon zuviel

verzehrende Flammen

Hat Theodor Storm so an sich gezweifelt?

Ich glaube,  manchen Bloggern geht es so, wenn die Blogstatistik keine Erfolgszahlen meldet.  schluchz, schluchz

All meine Lieder will ich
zum flammenden Herde tragen.
Da soll um sie die rote                                                                                                verzehrende Flamme schlagen.
Sie sind ja welke Blüten,
die keine Früchte tragen.
Was sollen welke Blüten
in frischen Sommertagen?

Theodor Storm

Einladung zu einer Tasse Jasmintee:

Treten Sie ein, legen Sie Ihre Traurigkeit ab,

hier dürfen Sie schweigen.         

Rainer Kunze